„Corona und der liebe Gott“

Ein Gastbeitrag von Thilo Thedinga

Kurz vor Ostern erreichte uns der folgende Beitrag unseres Gemeindegliedes Thilo Thedinga, der am NIGE u.a. Religion unterrichtet.
Gerne geben wir seine Gedanken an Sie weiter, weil sie zum eigenen Nachdenken und zur Diskussion anregen.

„Esens, 6. April 2020

In früheren Zeiten wäre die jetzige Krise ganz bestimmt als Strafe Gottes angesehen worden. Das ist heutzutage völlig abwegig, Gott hat als Erklärungsmodell ausgedient, einen Zusammenhang würden höchstens religiöse Wirrköpfe äußern, die niemand ernst nimmt.

Bestraft wurden die Sünden der Menschen, ein Wort, das durch die Geschichte – auch der Kirche – so negativ besetzt ist, dass es uns gänzlich fremd geworden ist. Unsere Kulturgeschichte hat uns vermeintlich von diesen Irrtümern befreit.

Und wofür sollten wir schon bestraft werden? Moralische Verfehlungen, Verstöße gegen Gebote? Lachhaft.

Und doch setzt sich ein Gedanke fest, den ich nicht für mich behalten möchte:

Wenn man an Gott nicht als überholtes Wesen, sondern als Begriff denkt, mit dessen Hilfe man das Gefühl von Sinn und Zugehörigkeit gewinnt, wenn sich Gott als guter Geist in den Menschen offenbart, wie wir es gerade im positiven Sinn an so vielen Beispielen durch unsere Wertschätzung und Anteilnahme im täglichen Leben oder im Internet erleben, wie hätte im großen Ganzen ein Zeichen aussehen sollen, das uns deutlicher erkennen lässt, dass es nicht so weitergehen kann wie bisher?

Der Klimawandel mit all seinen Folgen hat ebenso wenig vermocht uns umdenken zu lassen, wie die vielen sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Verwerfungen der letzten Jahrzehnte.

Könnte es nicht hilfreich sein, wenn wir etwas offener wären für Zeichen und sie auch als solche verstehen? Sind Zuversicht und Gemeinschaft, Anteilnahme und das Engagement für das Gemeinwohl allgemeine Grundzüge der Normalität, die wir derzeitig so schmerzlich vermissen? Meine Antwort lautet in mancherlei Hinsicht: Nein.

Was hätte passieren müssen, damit wir uns tatsächlich spürbar besser um die Umwelt kümmern? Schon viele Male war die Rede davon, dass Pflegekräfte besser bezahlt werden müssten, weil sie so wichtige Arbeit verrichten. Es gab viele Hinweise, dass sich der Lebensstil vieler Menschen nur um den Preis aufrecht erhalten lässt, dass andere und die Umwelt Schaden nehmen müssen. Weil einige profitieren, leben alle, auch die, die sich quälen müssen, in einer Welt, der bei allen Vorzügen der Freiheit auch einiges an Verantwortungsgefühl fehlt.

Ohne Frage ist die Not derer unbedingt und konsequent ernst zu nehmen, die in diesen Zeiten gesundheitlich oder wirtschaftlich in Bedrängnis kommen und schwere Zeiten durchleben. Wenn man das Leiden durch Tod, Überforderung und Existenzangst wirklich ernst nehmen will, könnte man doch diejenigen ehren, welche von diesem Leid betroffen sind, indem man aus dieser außergewöhnlichen Zeit die richtigen Schlüsse zieht, statt alles zu tun, um einen Zustand wiederherzustellen, als ob nichts gewesen wäre.

In der Bibel bittet übrigens König Salomo Gott um ein fühlendes Herz, damit er das Volk gut regieren sowie Gut von Böse unterscheiden könne. Es wird ihm gewährt (1Kön 3, 9-12).

Kinder in Flüchtlingslagern, deren Aufnahme zugesagt war, harren aus, weil wir so mit unseren Problemen beschäftigt sind. Man kann Leid nicht gegeneinander aufwiegen, doch meine Frage lautet: Wollen wir zurück zur Normalität, wie sie vorher gewesen ist, oder begreifen wir diese schreckliche Zeit zumindest als Chance, etwas zu korrigieren, uns auf Wesentliches zu besinnen, wie es schon viele tun, und verändern wir auch etwas über die Krise hinaus, bevor die Einschläge noch drastischer werden, die nicht von Gott geschickt werden, die aber Teil der Wirklichkeit sind, als deren Ursprung wir Gott verstehen können, um ihr einen Sinn zu verleihen und sie dann auch verantwortungsvoller für alle zu gestalten.

Der beginnende Frühling erstaunt mich wie jedes Jahr. Die emsigen Vögel, die explodierende Natur – ein Neubeginn, sicher kein Zufall, dass Ostern in diese Zeit fällt.

Ostern ist das Fest der Auferstehung, das Alte vergeht, an dessen Stelle tritt das Neue: mehr Einsicht, mehr Heil, mehr Frieden, mehr Gerechtigkeit – welche Verheißung.

Ich wünsche uns allen, dass wir gemeinsam diese schwere Zeit gut meistern und den Mut nicht verlieren, um dann eine neue, vielleicht in ganz kleinen Teilen bessere, Welt zu schaffen.

Frohe Ostern.“