Pastor T. Arens

Christus spricht: Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen. (Joh 12,32)

Mit dem Wochenspruch begrüße ich Sie, liebe Lese-Gemeinde, zu Hause. Schön, dass Sie auf diese Weise mit uns Gottesdienst feiern!

Das Wort Jesu spannt einen weiten Bogen zwischen Himmel und Erde. Dazwischen ist unser Leben ausgespannt. Das wird auch das Thema der Predigt sein.

An diesem Sonntag werden wir auch wieder (das 2. Mal nach 8-wöchiger Pause) Gottesdienst in unserer St. Magnus-Kirche feiern. Ob zu Hause oder in der Kirche – gemeinsam stehen wir vor Gott, sein Geist verbindet uns miteinander und mit Christen auf der ganzen Welt, über alle Länder- und Zeitgrenzen hinweg.

Wenn Sie mögen, können Sie diesen Gottesdienst auch mit einem von einem Chor vorgetragenen Lied beginnen:

Psalm 27 hat diesem Sonntag seinen Namen gegeben: Exaudi, übersetzt „Höre/Erhöre (mich)!“ Ein alter Gebetsruf, in den wir bis heute mit unseren Anliegen einstimmen.

Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe,
sei mir gnädig und erhöre mich!
Der Herr ist mein Licht und mein Heil;
vor wem sollte ich mich fürchten?
Der Herr ist meines Lebens Kraft,
vor wem sollte mir grauen?
Mein Herz hält dir vor dein Wort: „Ihr sollt mein Antlitz suchen.“
Darum suche ich auch, Herr, dein Antlitz.
Denn du bist meine Hilfe; verlass mich nicht
und tu die Hand nicht von mir ab, Gott, mein Heil!

Gebet
Gott, im Himmel und hier auf der Erde,
mitten unter uns und in uns.
Wir glauben, dass du uns hörst,
wie Verliebte einander hören.
Wenn auch wir dich hören,
wenn dein Wort unser Herz erreicht,
wird das Kalte warm, das Schwere leicht,
wird das Harte zart und das Böse gut,
wird das Arme reich und das Laute still.
Wenn dein Geist unser Herz berührt,
wird das Kleine groß und das Dunkle hell – blüht die Liebe auf. Amen.

Das Evangelium für den heutigen Sonntag steht bei Johannes im 16. Kapitel.Dort spricht Jesus über seinen bevorstehenden Abschied und ein Wiedersehen. Er verspricht denen, die um ihn trauern werden, einen neuen Beistand, den heiligen Geist.

Aber jetzt gehe ich zu dem, der mich beauftragt hat.
Und keiner von euch fragt mich: ›Wo gehst du hin?‹
Im Gegenteil: Ihr seid nur traurig, weil ich euch das gesagt habe.
Doch ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, wenn ich fortgehe.
Denn wenn ich nicht fortgehe, kommt der Beistand nicht zu euch.
Aber wenn ich fortgehe, werde ich ihn zu euch schicken.
Wenn dann der Beistand kommt, wird er der Welt vor Augen führen,
was Schuld ist und was Gerechtigkeit und Gericht –
Schuld: dass sie nicht an mich glauben;
Gerechtigkeit: dass ich zum Vater gehe, wo ihr mich nicht mehr sehen könnt;
Gericht: dass der Herrscher dieser Welt schon verurteilt ist.
Ich habe euch noch vieles zu sagen, aber das würde euch jetzt überfordern.
Wenn dann der Beistand kommt, wird er euch helfen, die ganze Wahrheit zu verstehen.
Denn er ist der Geist der Wahrheit.
Was er sagt, stammt nicht von ihm selbst.
Sondern er wird das weitersagen, was er hört.
Und er wird euch ankündigen, was dann geschehen wird.
Er wird meine Herrlichkeit sichtbar machen:
Denn was er euch verkündet, empfängt er von mir.
Alles, was der Vater hat, gehört auch mir.
Deshalb habe ich gesagt: Was der Geist euch verkündet, empfängt er von mir.«

Das bekannteste Glaubensbekenntnis der westlichen Kirche ist rund 1600 Jahr alt:

Ich glaube an Gott, den Vater,
den Allmächtigen,
den Schöpfer des Himmels und der Erde.
Und an Jesus Christus,
seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,
empfangen durch den Heiligen Geist,
geboren von der Jungfrau Maria,
gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,hinabgestiegen in das Reich des Todes,
am dritten Tage auferstanden von den Toten,
aufgefahren in den Himmel;
er sitzt zur Rechten Gottes,
des allmächtigen Vaters;
von dort wird er kommen,
zu richten die Lebenden und die Toten.
Ich glaube an den Heiligen Geist,
die heilige christliche Kirche,
Gemeinschaft der Heiligen,
Vergebung der Sünden,
Auferstehung der Toten
und das ewige Leben.
Amen.

Predigt

Liebe Gemeinde!
„Der äußere Mensch ist der alte Mensch, der irdische Mensch, der Mensch dieser Welt, der von Tag zu Tag älter wird. Sein Ende ist der Tod. Der innere Mensch auf der anderen Seite ist der neue Mensch, der himmlische Mensch, in dem Gott leuchtet.“

Was sich bei diesen Worten des Meisters Eckhart wie eine Unterscheidung von Diesseits und Jenseits anhört, gehört für den Apostel Paulus zusammen. Natürlich weiß er darum, dass wir irdische, sterbliche Geschöpfe sind. Von der „Knechtschaft der Vergänglichkeit“ spricht er und den Schatten, die diese auf unser Leben wirft: Leiden, Schmerz und Angst, Stöhnen und Seufzen. Er kennt das aus eigener Erfahrung, war selbst oft am Ende und verzweifelt. Die ganze Schöpfung, sagt er, und auch wir selbst als Christen seufzen und sehnen uns nach Erlösung. Den Tod mit all seinen Vorboten „los“ sein, frei sein von Not und Angst, von körperlichen und seelischen Schmerzen. Im 8. Kapitel seines Römerbriefes legt Paulus den Finger auf diesen wunden Punkt unserer irdischen Existenz.

Und dennoch haben seine Zeilen keinen traurigen, sondern einen durch und durch hoffnungsvollen, zuversichtlichen und optimistischen Klang. Denn Gott hat uns erwählt und berufen. Durch und mit Jesus Christus gehören wir zu ihm, sind seine Kinder. „Der Geist selbst gibt Zeugnis unserem Geist, dass wir Gottes Kinder sind. … Einen kindlichen Geist haben wir empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater.“ Das ist das Herzstück des Evangeliums. Und das gilt schon jetzt. Schon in diesem Leben leuchtet Gott auf. Gleich hören wir das noch mit anderen Worten, wenn Paulus die Christen beschreibt als von Gott ausersehen, vorherbestimmt, berufen, gerecht gemacht, verherrlicht. Daran kann nichts und niemand rütteln. Nichts kann sich wie ein Keil zwischen Gott und uns schieben, kein Zufall, keine Willkür, kein dunkles Schicksal, keine Schuld. Was er anfängt, führt er auch zu einem guten Ende. Die entscheidende Kraft dabei ist sein Geist, der uns und aller Welt Leben, Glauben, Hoffnung und Liebe einhaucht.

In diesem größeren, widersprüchlich-spannungsvollen Zusammenhang von Gottes Kindschaft und Knechtschaft der Vergänglichkeit stehen wir. Paulus spricht das in seinem Brief an die christliche Gemeinde in Rom an (Kap. 8):

Desgleichen hilft auch der Geist unsrer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt, sondern der Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen.
Der aber die Herzen erforscht, der weiß, worauf der Sinn des Geistes gerichtet ist; denn er tritt für die Heiligen ein, wie Gott es will.
Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind. Denn die er ausersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dass sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Geschwistern.
Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen; die er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht.

Mir fällt bei diesen Worten die Situation bei einem Krankenbesuch ein. Da liegt der Kranke mit geschlossenen Augen und stöhnt leise. Drumherum stehen die Angehörigen, hilflos, bedrückt, schweigend. Auch mir fehlen die Worte, auch ich schweige. Als die Tochter schwer seufzt, gucken wir uns fast erleichtert an. Mit diesem Seufzen hat sie stellvertretend für uns ohne Worte alles gesagt. Besser können wir unsere Gefühle nicht ausdrücken. Da hat das Herz gesprochen.
Wenn uns die Trauer sprachlos macht oder Angst die Kehle zuschnürt, bleibt uns oft nur noch das Seufzen. Das gilt auch für das Beten. Paulus kennt das und macht uns Mut. Wir müssen uns deshalb nicht schämen. Das ist normal. Wir brauchen nicht viele Worte machen, damit Gott uns hört. Wir dürfen auch einfach vor Gott stehen und schweigen und seufzen und können sicher sein, dass er uns hört und versteht und mitfühlt: unseren unsagbaren Schmerz und unsere abgrundtiefe Angst. Gottes Geist vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen.

Schließlich ergreife ich bei meinem Besuch doch noch das Wort und zitiere das Bekenntnis, mit dem Paulus seinen Briefabschnitt abschließt: Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.
Das ist nicht einfach der billige Zuspruch: Alles wird schon wieder gut. In diesem Wort haben die Erfahrung der Vergänglichkeit und die Gewissheit, Gottes Kind zu sein, ihren Platz; die verheißene Herrlichkeit und die gegenwärtige Not; der äußere Mensch, der stirbt und der innere, himmlische Mensch, der mit Gott verbunden bleibt und leuchtet, egal was ihm Gutes oder Böses widerfährt.
Amen.

Lied:
„In dir ist Freude in allem Leide“ singen Kantorei und Stuttgarter Hymnus-Knabenchor:

Gebet am Sonntag zwischen Christi Himmelfahrt und Pfingsten:
Gott, wenn wir vom Himmel hören,
fällt uns viel Schönes ein.
Wir denken an Licht und Freude und weiten Raum für unser Leben.
Wir spüren unsere Sehnsucht nach Glück und Zufriedenheit.

Jesus Christus,
du hast gesagt, das Reich der Himmel, Gottes Reich,
ist uns nahe,
mitten unter uns und in uns,
mitten in dieser Welt.

Wir bitten dich, Gott, um deinen Geist,
dass wir deinem Reich die Hand hinhalten
und eine Brücke bauen;
dass wir uns einsetzen für ein friedliches Miteinander;
für Menschen in unserer Nähe, die ein schweres Los haben;
für die Opfer von Krieg und Terror, Armut und Gewalt weltweit;
für gute Wege in Gesellschaft und Politik.

Wir bitten dich für die vielen Menschen auf der ganzen Welt, die besonders hart von der Corona-Pandemie und ihren Folgen betroffen sind:
weil sie selbst schwer erkrankt sind oder einen Angehörigen verloren haben;
weil sie Angst haben müssen vor einer Infektion oder isoliert wurden;
weil ihr Arbeitsplatz und ihre wirtschaftliche Existenz bedroht ist;
weil sie entwurzelt sind.
Wir bitten dich um Solidarität in unseren Gemeinschaften und Gesellschaften
und kluge politische Entscheidungen.

Wir bitten dich, Gott, um deinen Geist,
der ein Stück Himmel unter uns wehen lässt
der uns beisteht
und uns zu Boten Jesu macht.

In seinem Namen und mit seinen Worten beten wir:

Vater unser im Himmel
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft und die Herrlichkeit
in Ewigkeit. Amen.

Am Ende jedes Gottesdienstes erbitten wir Gottes Segen:

Der Herr segne dich und behüte dich;
der Herr lasse sein Angesicht über dir leuchten und sei dir gnädig;
der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden!

Irisches Segenslied

„Mögen sich die Wegen vor deinen Füßen ebnen“, singt ein Chor in Corona-Zeiten, verteilt über eine ganze Stadt.


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