Superintendentin E. Hadem

(Hinweis: Die Musikstücke für die Online-Version dieses Gottesdienstes wurden von Familie Schühle eingespielt.)

-> anstelle eines Vorspiels:

Und ein neuer Morgen

Im Namen des Vaters
und des Sohnes
und des Heiligen Geistes!
Amen.

Ihnen allen, die Sie diese Zeilen lesen: Herzlich Willkommen.
Es ist schön, dass Sie sich die Zeit für diese andere Art von Gottesdienst nehmen.
Heute ist der erste Sonntag an dem wir in Esens in doppelter Weise Gottesdienst feiern. Sie lesen diese Zeilen und feiern zuhause. Andere versammeln sich zum ersten Mal wieder in St. Magnus zum Gottesdienst und feiern „live“ miteinander – mit Abstand, Mundschutz und ohne Gesang.
Wo auch immer wir sind: Durch Gottes Geist sind wir über Zeit und Raum hinweg miteinander verbunden.

Wir feiern heute den Sonntag „Rogate“. Das heißt übersetzt: Betet! Der Sonntag vor Himmelfahrt ist immer dem Gebet gewidmet. Gott danken, ihn loben, zu ihm rufen, ihm unser Leid und unsere Not klagen, Fürbitte für andere halten. Wir kennen viele Formen unseres Gespräches mit Gott. Und wir ahnen leise, wie viele Stoßgebete gen Himmel gehen, in Krisenzeiten ganz besonders.
Der Psalmbeter beginnt heute mit dem Dank. Ein guter Anfang, wo wir heute nach 8 Wochen zum ersten Mal wieder in St. Magnus auch einen öffentlichen Gottesdienst miteinander feiern.

So lasst uns einstimmen in das Dankgebet des Psalmbeters von Psalm 118:

Danket dem Herrn; denn er ist freundlich,
und seine Güte währet ewiglich.
Es sage nun Israel:
Seine Güte währet ewiglich.
Es sage nun das Haus Aaron:
Seine Güte währet ewiglich.
Es sagen nun, die den Herrn fürchten:
Seine Güte währet ewiglich.
In der Angst rief ich den Herrn an;
und der Herr erhörte mich und tröstete mich.
Der Herr ist mit mir, darum fürchte ich mich nicht;
was können mir Menschen tun?
Der Herr ist mit mir, mir zu helfen;
und ich werde herabsehen auf meine Feinde.
Es ist gut, auf den Herrn vertrauen
und nicht sich verlassen auf Menschen.
Es ist gut, auf den Herrn vertrauen
und nicht sich verlassen auf Fürsten.
Alle Völker umgeben mich;
aber im Namen des Herrn will ich sie abwehren.
Sie umgeben, ja umringen mich;
aber im Namen des Herrn will ich sie abwehren.
Sie umgeben mich wie Bienen, / sie entbrennen wie ein Feuer in Dornen;
aber im Namen des Herrn will ich sie abwehren.
Man stößt mich, dass ich fallen soll;
aber der Herr hilft mir.
Der Herr ist meine Macht und mein Psalm
und ist mein Heil.

Man singt mit Freuden vom Sieg / in den Hütten der Gerechten:
Die Rechte des Herrn behält den Sieg!
Die Rechte des Herrn ist erhöht;
die Rechte des Herrn behält den Sieg!
Ich werde nicht sterben, sondern leben
und des Herrn Werke verkündigen.

Der Herr züchtigt mich schwer;
aber er gibt mich dem Tode nicht preis.
Tut mir auf die Tore der Gerechtigkeit,
dass ich durch sie einziehe und dem Herrn danke.
Das ist das Tor des Herrn;
die Gerechten werden dort einziehen.
Ich danke dir, dass du mich erhört hast
und hast mir geholfen.
Der Stein, den die Bauleute verworfen haben,
ist zum Eckstein geworden.

Das ist vom Herrn geschehen
und ist ein Wunder vor unsern Augen.
Dies ist der Tag, den der Herr macht;
lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein.
O Herr, hilf!
O Herr, lass wohlgelingen!

Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!
Wir segnen euch vom Haus des Herrn.
Der Herr ist Gott, der uns erleuchtet.
Schmückt das Fest mit Maien bis an die Hörner des Altars!
Du bist mein Gott, und ich danke dir;
mein Gott, ich will dich preisen.
Danket dem Herrn; denn er ist freundlich,
und seine Güte währet ewiglich.

Lasst uns beten:
Ewiger Vater, barmherziger Gott,
du bist verborgen und doch da.
Du hast uns Worte gegeben, die uns auch dann noch über die Lippen gehen, wenn uns eigene Worte fehlen.
Im Gespräch mit dir sortieren wir unser Leben – Fragen, Sorgen und Freude.
Öffne unsere Herzen und Ohren für deine Antworten.
Das bitten wir durch deinen Sohn, von dem wir das Beten gelernt haben.
Amen.

Gerade in diesen Zeiten tut es gut zu wissen, dass wir als Christinnen und Christen zu einer großen, weltweiten Gemeinschaft gehören. Von Indien bis Island, von Chile bis Russland sind wir zu allererst im Glauben verbunden. Über alle Kontinente hinweg bekennen wir gemeinsamen mit den Worten des Glaubensbekenntnisses:

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen,
den Schöpfer des Himmels und der Erde.
Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,
empfangen durch den Heiligen Geist,
geboren von der Jungfrau Maria,
gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
hinabgestiegen in das Reich des Todes,
am dritten Tage auferstanden von den Toten,
aufgefahren in den Himmel;
er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters;
von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.
Ich glaube an den Heiligen Geist,
die heilige, christliche Kirche,
Gemeinschaft der Heiligen,
Vergebung der Sünden,
Auferstehung der Toten
und das ewige Leben.
Amen.

Biblische Lesung (Matthäus 6,5-15)
Im Predigttext für den heutigen Sonntag heißt es:

Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten. Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. Darum sollt ihr so beten:
Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

-> das Wochenlied:

Bach „Vater unser im Himmelreich“

Predigt-Gedanken

Liebe Gemeinde!

Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist. So heißt es im Predigttext und mir schießt unweigerlich zum ersten Mal an dieser Stelle ein scharfes und sehr klares „Nein!“ durch den Kopf. Wie oft habe ich zu diesem Text leicht genickt. Ja, so beten wir – als norddeutsche Lutheraner*innen sowieso. Aber heute sage ich: Nein!

Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist. Nein, Schluss jetzt mit dem stillen Kämmerlein. Da haben wir alle lange 8 Wochen drin verbracht und auch gebetet. Aus gutem Grund, ja. Aber schmerzlich vermisst haben wir die Gemeinschaft. Schmerzlich vermissen die Senioren in den Altenheimen die Besuche der Kinder und Enkel. Sehr schweren Herzens weiß man den Ehepartner im Krankenhaus und kann nicht an sein Bett, nicht die Hand halten und still zusammen zu Gott flehen. Selbst Schulkinder haben die Schule vermisst. Lieber vor der Mathearbeit ein Stoßgebet zum Himmel schicken als immer mit den Eltern zuhause hängen. Irgendwann erdrückt einen die stille Kammer und die geschlossene Tür.

Seit gut einer Woche ist Esens zu neuem Leben erwacht. Es gibt wieder belebte Straßen, Menschen in den Geschäften. Hinter Masken und Plexiglas, aber doch unterwegs, im Gespräch. Die Gastwirte öffnen ihre Türen. Und ich habe die Tage einen gesehen, dem Stand der Dank im Gesicht geschrieben, dass endlich wieder Gäste im Haus sind. Der Dank war auch hinter seinem Mund-Nasen-Schutz deutlich zu lesen. Überall mischt sich auch Sorge ein, aber auch die wird leichter, wenn wir sie ab und an im Gespräch teilen und uns nicht einsam damit im Kreis drehen. Wir sind auf Gemeinschaft angelegt. Viel mehr als man ab und an im Alltagstrott denkt.

Der Gott, zu dem wir beten, weiß das. Er kennt uns, hat uns doch selbst so angelegt. Und darum hat er uns zu allerest ein „Wir-Gebet“ in den Mund gelegt: Unser Vater im Himmel! So beten wir. Das gemeinsame Gebet ist tief in unsere jüdisch-christliche Kultur eingeprägt. Wenn unsere jüdischen Geschwister sich zum Gebet versammeln, braucht es 10 Menschen in der liberalen Tradition bzw. 10 Männer in der strengen orthodoxen Welt. Und Jesus hat uns mit auf den Weg gegeben: Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich mitten unter ihnen!

Wir beten im Wir, wir beten immer als Gemeinschaft.
Das Gebet ist Gemeinschaft.
Aber wir sollen das in der stillen Kammer tun?! Wieder so eine biblische Ver-rücktigkeit. Oder wiedermal genau der Clou: Ich sitze zwar allein, aber bin immer verbunden – mit den Brüdern und Schwestern im Glauben, mit Gott im Himmel sowieso.
Für mich ist dieses Wir-Gebet eine der größten Gaben im Glauben. Ich habe das oft in Trauerhäusern erlebt. Da spreche ich ein freies Gebet, denke laut vor Gott an die Verstorbene. Die Angehörigen weinen, tiefe Traurigkeit breitet sich in der Stube aus und dann schließe ich mit dem Vaterunser und viele stimmen ein – leise, tastend. Mit jedem Satz werden die Stimmen in der stillen Trauerkammer wieder etwas fester. Nichts ist weg, die Trauer ist auch beim gemeinsamen Amen noch groß, aber irgendwie sind wir mit den gemeinsamen Worten in Gott eine neue Gemeinschaft geworden, haben etwas zusammen in die Hände des Vaters gelegt und spüren, dass für diesen Bruchteil die Last als Familie der Kinder Gottes etwas leichter wird, als Gemeinschaft der Lebenden und der Toten. Dieses Wir-Gebet ist ein Geschenk des Himmels: Vater unser Himmel…. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.

Neben dem großen WIR steht das Verborgene im Predigttext: Bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.

Noch so eine sonderbare Wendung, die ich oft theologisch abgenickt habe, aber in diesen Tagen regt sich Widerstand. Wir beten zum verborgenen Vater, der ins Verborgene sieht. Und letztlich bleibt uns auch immer verborgen, ob und wie Gott unser Gebet (überhaupt) erhört.

Mir fällt das Verborgene mit jeder Woche schwerer: Wir sitzen hier heute mit Mund-Nasen-Schutz und keiner kann uns mit Sicherheit sagen, ob das Sinn macht. Wir verzichten auf das Singen und keine wissenschaftliche Studie kann uns belegen, ob das im Kampf gegen das Virus wirklich hilft. Wir debattieren über den Einsatz der Bläser wie viele und mit wie viel Abstand und jede*r sagt etwas anderes. Wir wissen es nicht, es ist uns verborgen.

Wir verzichten auf Begegnungen und verlegen unsere Geburtstagsfeiern in den allerengsten Familienkreis. Wir messen Abstandzentimeter am vertrauten Esstisch, der uns immer ein sicherer Hafen war, und lassen Türen offen. Könnte sein, dass das besser ist. Bei Sonnenwetter sieht man die Familien auf der Terrasse mit Abstand und immer zu zweit durch den Garten stuckern. Die Enkel verzichten auf den Geburtstagsbesuch bei der Großmutter. Und ihr fehlt an ihrem Ehrentag nichts mehr als die Enkel. Die wären ihr eigentlich die beste Medizin. Und keiner weiß, ob noch ein Geburtstag folgt und sich nachholen lässt, was wir heute zur Sicherheit, zur guten Sicherheit auslassen.
Und wir sehen, dass die Alten in diesen Wochen gealtert sind.
Wir wissen um Einsamkeit und häusliche Gewalt. Und wir wägen ab zwischen allem, was uns irgendwie verborgen ist und werden schier verrückt.

Und mitten dazwischen beten wir zum verborgenen Gott, den wir aber Vater nennen. Darin liegt unsere Rettung. Der verborgene Gott hat sich uns längst gezeigt. Wir nennen ihn Vater. Ein Vater ohne Ambivalenzen und Schattenseiten. Vater, einfach Vater – im besten Sinne des Wortes. Ihm sind wir zu keiner Zeit je verborgen gewesen: Es war dir mein Gebein nicht verborgen, da ich im Verborgenen gemacht wurde, da ich gebildet wurde unten in der Erde. Deine Augen sahen mich, da ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war. (Psalm 139,15f) – So betet der Psalmbeter in Psalm 139. Dem verborgenen Gott, dem Vater im Himmel ist das Leben längst offenbar. Und über die Zeit hat er sichtbare Zeichen gesetzt, damit wir ihn mitten im Alltag erkennen: den Regenbogen, den brennenden Dornenbusch, die Feuersäule für das Volk Israel, das Kind in der Krippe, die Pfingstflammen über den Köpfen der Jünger. Zeichen, die uns am Leben halten, die uns durch Not und Fragen geleiten.

Haben Sie in der letzten Woche auch die Regenbögen gesehen? Zwei waren es mindestens.
Haben Sie die letzten Tage das helle Licht bis tief in den Abend, ja in die Nacht hinein, gesehen, als hätten wir schon schwedische Mitsommernacht? Ich kann mich an keinen Mai mit so hellen Abenden erinnern.

Der verborgene Gott ist auch der sichtbare Vater, der jedes Haar auf deinem Kopf gezählt, der jeden Stern am Himmelszelt erdacht hat, dem jedes Sandkorn am Strand lieb und teuer ist.

An seinen Zeichen entlang finden wir die Lebenszeichen im Dschungel des Verborgenen. Da wird am Familientisch dennoch gelacht und gescherzt, da säumt ein ganzes Dorf den Weg in 1 Meter 50 Abstand zum Grab der alten Dame, die im kleinen Ort immer wichtig war. Da werden wir kreativ und trauen dem himmlischen Vater mehr als seiner verborgenen Seite.
Amen.

Schlussgebet
Ewiger Vater, in außergewöhnlichen Zeiten bringen wir vor dich, was uns bewegt:

Wir denken vor dir
an die, denen die Einsamkeit schwer zu schaffen macht,
an die Alten, die ohne Begegnungen und Kontakte sichtbar gealtert sind,
an die Jungen, denen die Freiheit fehlt.
Wir rufen zu dir: Herr, erbarme dich.

Wir denken vor dir
an die, die mit dem Leben und dem Tod ringen,
an die, die im Krankenbett liegen und
an die, die sich um sie sorgen.
Wir rufen zu dir: Herr, erbarme dich.

Wir denken vor dir
an die Menschen auf der Flucht und in den Flüchtlingslagern,
an die Menschen in Krisen- und Kriegsgebieten, die fast aus unseren Nachrichten verschwunden sind,
an die knapp 50 unbegleiteten Flüchtlingskinder, die bei uns im Land ein neues Zuhause gefunden haben.
Wir rufen zu dir: Herr, erbarme dich.

Wir legen vor dich
alles, was uns verborgen ist,
all unsere Fragen und unseren Zweifel,
unsere Not und jede Sorge.
Wir rufen zu dir: Herr, erbarme dich.

(Zeit für das eigene Gebet)
Wir rufen zu dir: Herr, erbarme dich.

In dir bleiben wir miteinander über Raum und Zeit hinweg verbunden.

Und alles, was uns sonst noch auf dem Herzen liegt,
fassen wir zusammen im Gebet Jesu:

Vater unser im Himmel
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft und die Herrlichkeit
in Ewigkeit.
Amen.

Segensbitte (aus Irland)

Möge ich mit dir, o Gott,
immer in Frieden leben;
und möge dein Frieden erstrahlen
über mir und meiner Familie
und dem Haus meiner Nachbarn.
Amen.

Song of Hope – Iouri Grichetchkine

Und hier, wie üblich, der Gottesdienst zum Herunterladen (und nach wie vor gerne auch zum Weitergeben):